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Das “Gelbe Elend”


17.04.
2013

1945 richteten die Sowjets in der leerstehenden Landestrafanstalt Bautzen das Speziallager Nr. 4 ein. Als Entnazifizierungslager geplant, nutzte man es jedoch vorrangig für die Internierung tatsächlicher und vermeintlicher politischer Gegner.
Ab dem Spätsommer 1946 wurden neben Internierten zusätzlich zahlreiche SMT-Verurteilte in die schon stark überfüllte Einrichtung eingesperrt. Ein Jahr darauf gab es eine große Deportation von Gefangenen in Zwangsarbeitslager der Sowjetunion. Dies war nicht der Regelfall, denn die Speziallager waren keine Arbeitslager. Zudem waren die Insassen unterernährt und nur bedingt zum verrichten schwerer Tätigkeiten geeignet.
Bis 1950 durchliefen ca. 27 000 Häftlinge das Speziallager in Bautzen. Der Lageralltag war durch schlechte hygienische Bedingungen, Krankheiten, Hunger und ständige Überbelegung gekennzeichnet. Hinzu kam, dass die Häftlinge zur Untätigkeit gezwungen waren. Ein Großteil der Abläufe wurde von der deutschen Lagerselbstverwaltung kontrolliert. Mit dieser musste man sich gut stellen, um einen attraktiven Posten oder eine spezielle Aufgabe zu erhalten, wodurch man seine Überlebenschancen erhöhen konnte und Abwechslung im eintönigen Alltag bekam. Die sowjetische Lagerleitung griff bei der Vergabe von Posten innerhalb der deutschen Lagerselbstverwaltung häufig auf ehemalige Angehörige des BDM oder der HJ zurück, die Erfahrungen im Anleiten und Organisieren besaßen.
Bis Dezember 1945 war der Austausch von Paketen am Lagerzaun erlaubt, dann wurde den Gefangenen jeglicher Kontakt zu ihren Angehörigen verboten.
Zum Ende der Entnazifizierung 1948 wurde nur die Hälfte der Häftlinge entlassen, die übrigen blieben bis 1950 in Bautzen, von denen aber ein Teil in den Waldheimer Prozessen zu noch längeren Haftstrafen verurteilt wurde und wieder in das Internierungslager in Bautzen, das inzwischen als Strafvollzugsanstalt an die Deutsche Volkspolizei übergeben worden war,  zurückkehrte.
Am 13. März 1950 kam es zu einem Häftlingsaufstand, auf den die Gefängnisleitung mit Versprechen reagierte, welche aber nicht eingehalten wurden, woraufhin am 31. März ein Hungerstreik begann. Dieser wurde blutig niedergeschlagen. Es gelangten aber zwei Briefe von Häftlingen an die SPD in den Westen, so dass erstmals die Öffentlichkeit auf die grauenhaften Zustände aufmerksam wurde.
Im Zuge der Entstalinisierung ab 1954 wurden die SMT-Verurteilten in den Befugnisbereich der DDR-Behörden übertragen. Danach gab es viele Urteilsaufhebungen, so dass 1956 mit den letzten Entlassungen die Ära der Speziallager zu ende ging.
Das Gelbe Elend wurde von der DDR als Strafvollzugseinrichtung weitergenutzt und untersteht seit 1990 dem Freistaat Sachsen, der es weiterhin als Justizvollzugseinrichtung betreibt.
Dem Lageralltag fielen insgesamt ca. 3000 Internierte zum Opfer, die auf dem nahe gelegenen „Karnickelberg“ anonym vergraben wurden.

Autor: Thorben Richter

Aufnahme von Exkursion in Bautzen IIAufnahme von Exkursion in Bautzen II

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Speziallager


04.02.
2013

Speziallager waren in der DDR ein Tabuthema unter vielen. Doch auch noch nach der Wende ist den Meisten wenig über dieses Thema bekannt. In der sowjetischen Besatzungszone wurden insgesamt zehn Speziallager für die Internierung von NS-Funktionären und Kriegsverbrechern eingerichtet. Dies geschah 1945 durch den NKWD-Chef Lawrentij Berija, der mit dem Befehl Nr. 00315 die Grundlage für die Internierung von Funktionsträgern des NS-Regimes schuf. Die Verhaftungen gingen jedoch weit über das Ziel der Entnazifizierung hinaus, denn der Befehl war so pauschal formuliert, dass jeder hätte eingesperrt werden können. Und so internierte man die Menschen ohne richterliche Prüfung und ohne Unterscheidung der tatsächlichen Funktion im NS-System. Die sowjetische Besatzungsmacht konnte so leicht „politisch unliebsame“ Personen „wegsperren“. Eine Internierung hatte fatale Folgen, denn obwohl die Speziallager weder Vernichtungs- noch Arbeitslager waren, starb ca. ein Drittel der Häftlinge während ihrer Haftzeit. 1946 wurde zusätzlich ein Teil der SMT-Verurteilten in die häufig schon stark überfüllten Speziallager eingewiesen. An der Verhaftungspraxis änderte auch die Direktive Nr. 38 des Alliierten Kontrollrats nichts, wonach zwischen aktiven und nominellen Mitgliedern der NSDAP unterschieden werden sollte. So ist ca. ein Drittel aller Verhaftungen nicht auf eine Tätigkeit im NS-Regime zurückzuführen.

Ein Großteil der Speziallager wurde 1947 aufgelöst, nur Buchenwald, Sachsenhausen und Bautzen blieben bestehen. Eigentlich waren große Deportierungen nach Sibirien zu Arbeitseinsätzen geplant, die aufgrund der starken Unterernährung der Häftlinge nicht realisierbar gewesen wären. Neben der miserablen Versorgung mussten die Insassen noch mit weiteren Repressalien kämpfen. So wurden sie ohne eine  Benachrichtigung der Angehörigen interniert und es war ihnen aufgrund der Briefzensur u.a. verboten, über ihren wahren Gesundheitszustand zu berichten. Um die Zensur zu umgehen, konnte man aber einen Trick anwenden und den eigenen Gesundheitszustand mit dem eines toten Bekannten, von dem die sowjetischen Kontrolleure nichts wussten, vergleichen. Auch nach ihrer Entlassung waren die Häftlinge zum Schweigen verurteilt. Bei der Auflösung der 3 letzten Speziallager im Jahre 1950 wurde ein Großteil entlassen. Etwa 3500 wurden bei den “Waldheimer Prozessen” in Schnellverfahren von der DDR-Justiz zu weiteren Haftstrafen verurteilt. Jene, die bereits von einem SMT verurteilt wurden, wurden zur Verbüßung ihrer Strafe zusätzlich dem MdI der DDR übergeben. Dabei handelte es sich um mehr als 10.000 Menschen.

Quelle: http://www.politische-bildung-brandenburg.de/publikationen/pdf/nkwd.pdf (Jörg Morré: Einleitung – Sowjetische Internierungslager in der SBZ)

Speziallager Bautzen, "Gelbe Elend"

Autor: Thorben Richter