Projektstimme

Zum vierten Mal »angeeckt.«
Hinter uns liegt der vierte Durchgang des Schüler*innenprojekts »angeeckt.«, das im Rahmen der Fördermaßnahme „von uns für uns“ des Deutschen Museumsbunds nun schon seit zwei Jahren das pädagogische Angebot der Gedenkstätte Bautzner Straße Dresden erweitert. Dieses Mal ließen sich sechs Jugendliche der 121. Oberschule in Dresden-Prohlis zu Peer-Teamern ausbilden und viele weitere kamen als Peers zu den Schüler*innenführungen sowie den sich anschließenden künstlerischen Workshops.

Die Projekttage hatten jeweils spezifische Ziele: Inhaltlich ging es um die Erarbeitung historischen Wissens über die DDR und ihre Staatssicherheit sowie deren konkretes Wirken am historischen Ort. In Gesprächen mit Zeitzeugen wurden die individuellen Auswirkungen der Stasi-U-Haft thematisiert.  Um die Führungen vorzubereiten, fanden entsprechende sozial-methodische Workshops statt. Auf künstlerischem Weg wurde das Erlernte und Erlebte noch einmal anders, nämlich kreativ und individuell angegangen.

_DSC3958

Abschlussveranstaltung zum Mitmachen
Die Auseinandersetzung mit politischer U-Haft in der DDR, mit Haftbedingungen und Verhörmethoden stellt freilich kein erfreuliches Thema dar – auf die gedenkstättenpädagogische Arbeit, die am 22.06.2016 mit der Abschlusspräsentation endete, lässt sich trotzdem freudig zurückblicken: Den Besucher*innen wurden die Arbeitsweise und Ergebnisse – Kurzfilme, Fotografien und Zeichnungen –, der zwischen März und Juni stattfindenden Workshops sowohl im Foyer als auch im Hafthaus der Gedenkstätte vorgestellt. Trotz oder vielleicht gerade wegen der vergleichsweise kleine Stammgruppe waren diese Ergebnisse äußerst sehenswert.

So entstanden zwei Kurzfilme mit den Titeln „7.1“ und „aussichtslos“, die jeweils aus der Perspektive des Inhaftierten bzw. Zeitzeugen erzählen. Der erste der beiden Filme, der mit der Nummer „7.1“ auf das entindividualisierte Ansprechen der Zelleninsassen verweist, ordnet ein videodokumentarisch festgehaltenes Zeitzeugeninterview collagenhaft neu an. Im zweiten Film wird szenisch der fiktionalisierte Gang eines Inhaftierten von der Zuführung bis zum Verhör gestaltet. Diese nun verläuft aussichtslos (für wen eigentlich?), da der Verhörte stumm bleibt. Für die Projektpräsentation wurden die Filme im Hafthaus auf Leinwand projiziert – sie werden aber auch künftig dauerhaft im Ausstellungsbereich zu sehen sein.

_DSC3608

Im Foyer dokumentierte eine Bilderreihe die Arbeit im Projekt. Den Prozess der Projektarbeit sollte aber auch der während der Präsentation „live“ stattfindende Zeichen-Workshop nachvollziehbar machen. Allerdings nur räumlich im Hintergrund positioniert, dienten diesem die über mehrere Termine entstandenen grafischen Arbeiten der Schüler*innen als Anregungen. Aktiv werden konnten alle Besucher*innen selbst an einem langen Zeichentisch, den der Maler Hans Wutzler mit Teilnehmer*innen aus dem Projekt betreute. Neben dem gewissermaßen normalen Gedankenaustausch auf einer Projektpräsentation bot das Geschehen um diesen Tisch nochmals eine gern wahrgenommene Möglichkeit zur Interaktion.

_DSC4134

Im Gespräch mit Besucher*innen zeigte sich abermals, was sich schon in den Schüler*innenführungen deutlich geworden war: Die Peer-Teamer sind in der Lage, ihre Kenntnisse und Sichtweisen über und auf den historischen Ort nach außen zu tragen. Ein motivierendes Erlebnis von äußerer Anerkennung und eigener Kompetenz.

_DSC4133

Mit »angeeckt.« erfolgreich sein
Zum wiederholten Erfolg von »angeeckt.« haben all jene Eckpfeiler beigetragen, die sich auch schon in den vorangegangenen Projektdurchläufen bewährt hatten. Es sind das die unkomplizierte und notwendigerweise flexible Zusammenarbeit von Projektteam, Gedenkstätte und den anderen Projektpartnern, insbesondere die in die künstlerischen Kurse „von außen“ eingebrachte und auf die Bedürfnisse und Interessen der Jugendlichen abgestimmte Expertise –  und natürlich das Engagement der Schüler*innen.

Die pädagogische Arbeit an einer Gedenkstätte unterscheidet sich deutlich von der Lernatmosphäre und den Lernwegen, die die Schüler*innen aus der Schule gewohnt sind und für ein Freizeitprojekt gilt das noch einmal mehr: Beim freiwilligen gemeinsamen Arbeiten geht es somit auch darum, eine „gute Zeit“ am Nachmittag miteinander zu verbringen – ein Aspekt der vor allem in den Arbeitspausen der Workshops am Buffet zum Tragen kam, aber natürlich auch bei der Exkursion und beim informellen Treffen.

_DSC3300

_DSC3972

 

 

 

 

 

Die Arbeit am historischen Ort bietet ganz andere Möglichkeiten der Auseinandersetzung und ist weniger auf mediale Repräsentation angewiesen, als der Geschichtsunterricht –
das wurde auch von den Jugendlichen so (ein-)geschätzt.
Zur Erfahrung des Ortes treten ganz wesentlich die intensiven Zeitzeugengespräche hinzu, was sich regelmäßig in den Schüler*innenführungen wiedergefunden hat.

arrestzelle_fb

fb_führung2

Weitergehen angelegter Wege
Das Interesse der Jugendliche am szenischen Spielen, das in der letzten Maßnahme in einem (mittlerweile abermals aufgeführten) Theaterstück seine künstlerische Umsetzung fand, bestand fort und wurde in diesem Durchgang im bereits erwähnten Film „aussichtslos“ umgesetzt. Jeweils dominiert die Perspektive des Häftlings, aktiv gespielt wird aber vor allem die Stasi-Rolle. Im nächsten Projektdurchgang soll es noch stärker darum gehen, die Faszination für die Rolle derer zu reflektieren, die in der U-Haft als MfS-Personal in Machtpositionen waren und Gewalt ausüben konnten (und sollten).

Leider konnten die Ausflüge zur JVA und ins DDR-Museum Radebeul dieses mal aus organisatorischen Gründen nicht realisiert werden. Weil sich im zweiten Zeitzeugengespräch der thematische Horizont aber ohnehin schon auf die Aspekte des Eigensinns und des (wenngleich nicht einfach strukturierten) Bewegungsspielraums in der Diktatur erweitert hatte, war die Geocache-Exkursion an den Dresdner Hauptbahnhof und damit an einen Schauplatz der „Friedlichen Revolution“ keineswegs nur Ersatz. Zwei Anregungen für das nächste Mal »angeeckt.« gehen daraus hervor: Es soll auch außerhalb der Gedenkstätte um MfS- bzw. DDR-Geschichte und Erinnerungskultur in der Stadt gehen. Eine neue Idee für die künstlerischen Workshops ist dabei, ein Angebot für Street-Art bereitzustellen, wobei Graffiti nur eine mögliche Form ist – die es allerdings (im Stasi-Vokabular als „Rapschrift“) auch in der DDR gegeben hat.

_DSC3332

_DSC3974

Abschlusspräsentation und der „live“-Workshop waren kurzweilig und flüchtig. Die Fotografien und Bilder jedoch bleiben noch für eine Weile an prominenter Stelle im Foyer der Gedenkstätte hängen und sind somit sicherlich Motivation für die Jugendlichen, die in der Zwischenzeit die Gedenkstätte mit Freunden und/oder Verwandten besucht haben. Zugleich sind sie an diesem Ort Ausdruck von Wertschätzung des Freizeitangebots durch die Gedenkstätte.

Nicht nur weil auch ein in der Teilnehmerzahl verkleinertes Projekt präsentable Ergebnisse mit sich bringt, sondern auch weil das Thema politischer (Untersuchungs-)Haft sowohl historisch als auch gegenwärtig relevant bleibt geht es mit »angeeckt.« wieder im Herbst 2016 weiter. Wir sind gespannt auf neue Teilnehmer*innen und ihre Perspektiven auf den historischen Ort und sein Thema.

angeeckt_V_flyer_entwurf-Seite001