Kommentare deaktiviert für Interviewbericht mit dem Ehepaar Jenkner

Interviewbericht mit dem Ehepaar Jenkner

2012
12.20

Am Montag, den 15. Oktober 2012, interviewten wir Herrn Prof. Siegfried Jenkner und seine Frau. Während seines Studiums an der Universität Leipzig beteiligte sich  Herr Jenkner an Aktivitäten des Kreises um Belter und verteilte unter anderem Flugblätter gegen das SED-Regime. Nachdem der gesamte Kreis verhaftet wurde, verurteilte ihn ein sowjetisches Militärtribunal zu zweimal 25  Jahren Haft in einem sowjetischen Zwangsarbeitslager.

Persönlich muss ich sagen, dass so ein Zeitzeugeninterview anders und vor allem emotionaler ist, als ich dachte.  Herr und Frau Jenkner konnten frei über die Ereignisse sprechen und reagierten auf keine Frage mit Zurückhaltung, auch wenn es sich um persönliche Fragen handelte, die Erinnerung an schreckliche Erlebnisse wachrüttelten. Ich fand es sehr erstaunlich, dass sie das ganze Thema mit soviel Humor nehmen konnten. Darüber hinaus bewundere ich diese Stärke, über mitunter auch sehr private Dinge zu reden. Man merkte Herrn Jenkner an, dass er die Verhaftung durch die Sowjets, die Erlebnisse im Gulag und seine Rückkehr in die Heimat für sich selbst aufgearbeitet hat und nie in Selbstmitleid verfiel, was wirklich beachtlich ist. Es war eine sehr angenehme Gesprächsatmosphäre, da nie das Gefühl aufkam, es wäre ein Frage-Antwort-Spiel.

Wir empfanden es alle als sehr schön, dass  Herr Jenkner nicht nur seine Frau, die wir mit ihm interviewen wollten, sondern auch seine Tochter und seinen Neffen mitgebracht hatte. Herr Jenkner wurde schon im ersten BEDENKEN-Projekt interviewt, aber dieses Mal sind wir mehr auf die Zeit nach der Haft eingegangen. Zu Beginn befragten wir Herrn Jenkner besonders zur Rückkehr in die BRD und zu seinem „Zurückfinden“  in das Alltagsleben in Freiheit. Er erzählte auch viele Dinge, die davor noch nie aufgenommen wurden, z.B. dass er nie eine schlechte Beziehung zu Russland hatte. Anschließend befragten wir seine Frau. Beide hatten sich nach seiner Rückkehr aus Workuta an der Universität kennen gelernt. Frau Jenkner berichtete uns, dass sie damals von vielen Menschen umgeben war, die im Gulag oder Speziallager waren. Außerdem hat sie uns erzählt, dass es in fast jeder Familie jemanden gab, der bereits schon mal in einem Lager gesessen hat, sei es entweder in einem Arbeitslager oder in Kriegsgefangenschaft.

Jetzt ergab sich eine besonders spannende Situation, da beide abwechselnd redeten und man so alles aus zwei Blickwinkeln betrachten konnte. Es war auch gut, dass seine Frau anwesend war, da sie ihn an einige Dinge erinnerte, die Herr Jenkner sonst vergessen hätte. Am Ende des Interviews befragten wir noch Herrn Jenkners Tochter und brachten damit das Interview zum Abschluss.

Autor: Marcel Storzum

Comments are closed.