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Zeitzeugeninterview mit Frau Grötschla

2013
10.14

Am Freitag den 7. Juni 2013 war das Interview mit Frau Grötschla. Dafür durfte ich eher aus der Schule gehen und bin auf Umwegen mit dem Ersatzverkehr zur Gedenkstätte gelangt. Auf der Fahrt zur Angelikastraße bin ich noch einmal die Interviewfragen durchgegangen, um meine Aufregung ein wenig zu mindern. In der Gedenkstätte traf ich dann auf Heiko und Mate, mit denen ich noch einmal den groben Ablaufplan des Nachmittags durchsprach. Mit dem Filmzubehör in den Händen ging es dann auf die andere Straßenseite zu einer Villa, wo Frau Grötschla untergebracht war. Der Vermieter öffnete uns die Tür zur Wohnung von Frau Grötschla, da wir die Klingel im unteren Eingangsbereich nicht gesehen hatten. Dann sah ich das erste Mal meine Interviewpartnerin, von deren Größe ich ziemlich erstaunt war. Mir stand eine, an meiner Größe gemessen, sehr kleine Frau gegenüber, welche es jedoch faustdick hinter den Ohren hatte.

Während Heiko und Mate die Interviewlocation aufgebauten, unterhielt ich mich ein wenig mit Frau Grötschla und lernte sie so näher kennen. Unser Gesprächsthema war überwiegend die Schule, bei dem sie auch einige Dinge über ihre Enkel einwarf. Ich musste prinzipiell lauter sprechen, da sie nicht mehr so gut hört. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Das Interview an sich verlief recht unkompliziert, da sie auf meine erste Frage anfing, alles zu erzählen, was ich im Telefonat Wochen zuvor wissen wollte. Ich musste ihr nur zuhören und die beantworteten Interviewfragen gedanklich abhaken. Selbstverständlich hat sie nicht alle meine Fragen mit ihrer Erzählung beantwortet. Als ich sie auf die Rückkehr ihres Bruder ansprach und sie mir schilderte, in welchem Zustand er sich befand, bekam Frau Grötschla glasige Augen. Dieser Moment sprach für sich. Es bedurfte keinerlei Nachhaken meinerseits. Als ich sie auf ihre Sicht zur SBZ bzw. DDR ansprach, fragte sie forsch zurück: „Hast du das nicht schon genug rausgehört?“ Dennoch fing sie an zu erzählen. Sehr erstaunt war ich über ihren Vergleich zwischen dem SED-Regime und dem Nationalsozialismus. Sie zeigte mir Parallelen der beiden Systeme auf, zu denen sie durch ihr persönliches Schicksal gekommen ist, die mir als Schülerin vorher gar nicht bewusst waren.

Nachdem ich all meine Fragen an sie gerichtet hatte, tauschte ich mit Heiko die Plätze und er stellte noch Fragen, die aus dem Gespräch heraus entstanden sind. Als alles im Kasten und die Kamera abgebaut war, überreichten wir Frau Grötschla noch ein kleines Präsent und luden sie in die Gedenkstätte zu einer kurzen Führung sowie Kaffee und Kuchen ein. Ich ging mit ihr lediglich in den Fuchsbau, da die vielen Treppen zum anderen Teil der Bedenkenausstellung in der 3. Etage für sie nicht mehr zumutbar waren. Während des Ganges erzählte ich ihr ein wenig über unser Projekt und über die Räume, in denen wir uns bewegten. Sie sagte immer wieder: „Furchtbar, furchtbar ist das.“ Ich konnte ihr nur zustimmen. Als wir vor der Biografie ihres Bruders standen, sagte sie: „Den kenn ich doch!“ mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Nachdem Heiko und Mate uns in den Kellern gefunden hatten, übernahm Heiko die kleine Führung. Im Anschluss folgte ein interessantes Kaffeetrinken bei dem wir uns unter anderem über Mohn, Muskelkrämpfe und Krankenkassen unterhielten. Am Ende des Nachmittags wurde noch ein Abschlussfoto von mir und Frau Grötschla geknipst. Wobei man allerdings sagen muss, dass es nicht annähernd nur ein Foto war und man somit den Satz von Frau Grötschla „So viel wurde ich noch nie in meinem Leben fotografiert.“ als Schlusssatz stehen lassen kann.

Autor: Annalena Reich

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