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Zeitzeugeninterview mit Frau Weber

2013
10.14

Während sich das Projekt „Bedenken I“ vor allem auf die Geschichte der Zeitzeugen konzentrierte, die zeitweilig auf der Bautzner Straße inhaftiert waren, wollen wir uns mit „Bedenken II“ auch auf die Perspektive von Angehörigen, Bekannten und Freunden dieser Inhaftierten beziehen, da oft vergessen wird, dass auch sie unter der Abwesenheit des geliebten Menschen und der Ungewissheit, was mit diesem passiert ist, litten und darüber ihre ganz eigene Geschichte erzählen können.

Dass diese Geschichten nicht nur wichtig sind, um die Vergangenheit besser verstehen zu können, sondern auch ungeheuer interessant, bewegend und inspirierend, habe ich bei dem Interview mit Frau Weber am eigenen Leib erfahren.

Gertrud Weber war bis zur achten Klasse Schülerin von Herrn Wagner an der Schlossbergschule in Döbeln. Dieser wurde 1951 verhaftet und ins sowjetische Gulag gebracht. Er kehrte erst 1955 nach Deutschland zurück.

Doch die Geschichte von Frau Weber und Herrn Wagner war mit ihrem Abschluss der achten Klasse noch nicht vorbei. Die zwei begegneten sich durch Zufall 1956 in Berlin wieder, wo Herr Wagner nach seiner Freilassung unter anderem mit Frau Webers Bruder studierte.

Nach diesem Ereignis sahen sich die zwei häufig und so konnte uns Frau Weber einen sehr guten Einblick in die Persönlichkeit und Ansichten Herrn Wagners geben, wie sie diesen als Schülerin und später nach seiner Entlassung wahrgenommen hat.

Obwohl die Grundintentionen des Projektes genau diese Informationen sind, finde ich persönlich Fälle wie Frau Weber ungeheuer spannend, da sie uns nicht nur über Herrn Wagner berichtet hat, sondern sie auch viele Geschichten aus ihrem eigenen Leben erzählte. Ich finde es sehr faszinierend zu erfahren, wie unendlich viele Geschichten und Lebenswege es auf dieser Welt gibt, denn genau das macht das Leben zum einen lebenswert und zum anderen interessant. Außerdem geben solche Geschichten Hoffnung, reißen mit und zeigen, was alles möglich ist.

So erzählte uns Frau Weber zum Beispiel, wie sie ihren Mann kennenlernte, welche Hürden sie überwinden musste und schließlich in den Westen auswanderte und wie sie heute lebt. Sie hat für mich eine sehr inspirierende sowie bewundernswerte Sicht auf die Welt und Lebenseinstellung und ich kann nur sagen, dass ich mich freuen würde, als ältere Dame ebenso lebensfroh, positiv und stark durchs Leben zu gehen, egal wie schwer es manchmal ist.

Das Interview selbst habe ich als sehr entspannt empfunden. Nachdem wir uns nach anfänglichen Schwierigkeiten endlich in der Gedenkstätte gefunden und es uns bequem gemacht hatten, ging es nach einem kurzen Einführungsgespräch auch gleich mit dem Interview los.

Viele Zeitzeugen, die aus ihrer Sicht über inhaftierte Freunde, Bekannte oder Angehörige mit uns sprechen, glauben zuerst, ihre Informationen und Geschichten seien nicht so wichtig oder interessant. Diese Unsicherheit hatte erst auch Frau Weber, doch schon bald fiel alle Anspannung und alle Bedenken von ihr ab und sie erzählte weit mehr, als das, wonach ich gefragt hatte, was das Interview sehr aussagekräftig, spannend und locker machte, da sie von sich aus auch viel über sich selbst erzählte.

Manchmal war es sogar sehr schwer, überhaupt meine Fragen zu stellen, da ich sie nicht unterbrechen wollte, aber wir ansonsten wahrscheinlich noch viel länger für das Gespräch gebraucht hätten, als die ohnehin schon zweieinhalb Stunden.

Wir erhielten sowohl interessante Informationen über Herrn Wagner, als auch einen, wie ich schon sagte, sehr guten Einblick in Frau Webers eigene Lebensgeschichte.

Nach dem Interview unterhielten wir uns noch kurz, schossen einige Erinnerungsfotos und dann machte sie sich auch gleich auf den Rückweg nach Döbeln, wo sie vor unserem Interview ein Klassentreffen eben mit der Klasse, die Herr Wagner damals unterrichtete, gehabt hatte.

Insgesamt werde ich dieses Treffen in guter Erinnerung behalten und hoffe, dass ich später auch mal so viel Schönes, Trauriges, Spannendes und Inspirierendes über mein Leben erzählen kann und auch noch so agil bin wie Frau Gertrud Weber.

Autorin: Jana Frenzel

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